Werkangaben
- Kompositionsjahr
- 2010
Ausgaben
Kaufmaterial
- Artikelnummer
- eg1859
- ISMN
- M-2057-1632-5
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Beschreibung
Mal zurückhaltend, mal impulsiv
Kerstin Linder-Dewan und Matias de Oliveira Pinto bei den Bachtagen
Schwer und schön. Anspruchsvoll und schön. Diese Anmerkungen standen am Anfang zweier Konzerte am Wochenende bei den Bachtagen Potsdam. Und am Ende der Auftritte von Kerstin Linder-Dewan und Matias de Oliveira Pinto konnte man nur hinzufügen: Schwer und anspruchsvoll werden nur dann schön, wenn sie von selbstbewusster Meisterschaft und tiefem Respekt getragen werden.
Wo Kerstin Linder-Dewans leichter Atem trug, ging es bei dem Cellisten Pinto regelrecht schnaufend zur Sache. Sein Bach strotzte vor Selbstbewusstsein und Klangstärke. Auch wenn diese Lesart nicht jedermanns Sache ist, Pintos Auftritt im Palmensaal der Orangerie im Neuen Garten war ein äußerst erfrischender Genuss. Keine Bachverklärung, sondern herrlichste Muskelspielereien auf vier Saiten, getragen vor allem von Pintos Selbstverständnis und seiner frappierenden Technik. Dieser Bach rockt, so wollte man nach der abschließenden Gigue aus der Suite in C-Dur rufen. Diesen Meisterwerken zur Seite hatte Pinto mit „seven preludes to a prelude“ von Jeffrey Ching und „Unknowing“ von Sidney Corbett zwei moderne Kompositionen zur Seite gestellt. Gerade in ihrer Eigenwilligkeit und klanglichen Experimentierlust bildeten sie einen treffenden Kontrast und gleichzeitig Bereicherung zur Bachschen Komponierkunst.
Dirk Becker, Potsdamer Neueste Nachrichten, 6.9.2011
„Das kurzfristig für Donnerstag anberaumte Cello-Konzert in der Klosterbibliothek erwies sich als Highlight des experimentierfreudigen Arnsberger Sommers 2011.
Prof. Matias de Oliveira Pinto spielte Bachs 5. und 3. Solosuite im Dialog mit zwei brandneuen, ihm gewidmeten Inspirationen dazu:
„Seven Preludes to a Prelude“ von Jeffrey Ching und „Unknowing“ von Sydney Corbett. Pinto konfrontierte die zeitgenössischen Suiten Satz für Satz mit den Bachsuiten, sozusagen ein Satzerlebnis in Hörweite des anderen. Was dabei herauskam war spektakulär. Man empfand eine fast physikalisch messbare Wechselwirkung, die sich sowohl in der
Interpretation wie in der Hörerwartung der Zuhörer widerspiegelte, ein „Geist der Annäherung" über stilistische und kompositionstechnische Unterschiede hinweg.
Dieser Geist erscheint in Ching's Pendant zur 5. Bachsuite, in gut barocker Manier von oben. Hier aus dem Nichts (des Hörbaren), und er bleibt als mystisch-ekstatische Überhöhung bis zum Schluss erhalten, trotz der Ausweitung der Spielzone auf den ganzen Cello-Korpus einschließlich der Gestik des Spielers. Was sich bei Bach zwischen Pianissimo und
Fortissimo abspielt, gewinnt in Ching's Annäherung enorme akustische Breite und sinnlichen Farbenreichtum, von fordernden Klopfmotiven auf nacktem Holz bis zu Momenten völliger Abstraktion von Melodie und Harmonie. Seiner Vorliebe für klangmagische Effekte, ordnet Ching auch die moderne Quintstimmung des Instrumentes unter. Ein Rückgriff auf die frühbarocke Scordatura-Praxis erlaubt, die Obertöne im Flageolett neu zu kombinieren, so dass ungewohnte Harmonien aufleuchten.
Dass aber ein in die Luft geschnittener Überkreuzpfiff des Bogens – rechts, links saust der Bogen durch die Luft – nicht nur als extremes Hörereignis, sondern auch als „Chiffre“ verstanden werden konnte, verdankt sich wohl der Nähe zu Bach, dem Altmeister musikalischer Metaphorik und Symbolik; und natürlich der unbeirrbaren Überzeugungskraft des Cellisten. […] Die begeisterten Hörer hätten das Konzert gerne noch einmal gehört.“
Elisabeth Pflüger
