Ching, Jeffrey

The Orphan

  • Das Waisenkind
  • Oper in zwei Akten und sechs Szenen Libretto: Jeffrey Ching
  • für Solisten, Chor und großes Orchester

Werkangaben

Kompositionsjahr
2006-2007

Ausgaben

  • Leihmaterial

    Artikelnummer
    eg1814LM
    ISMN
    M-2057-1613-4
    Leihweise

Beschreibung

 

 

"Mord und Sühne

Erfurts Uraufführungsreihe bringt nicht immer Perlen hervor. Aber jetzt. Es stimmt, "Das Waisenkind" von Jeffrey Ching ist artifiziell, konstruiert, ein anstrengendes Stück. Aber zugleich ist diese Oper ein Geniestreich. Musiktheater, traditionsschwer und von Ritualen geprägt wie kaum eine andere Kunstform, kann eben doch verblüffen und aus Überlieferung vollkommen Neues erschaffen.
Gesang in sieben Sprachen, Personal und Musik aus vier Epochen und fünf Ländern, Musikgeräte, die eher zu einer Chinafolkloretruppe gehören als in den Orchestergraben: Wer sich mit Bauprinzip und Instrumentation der Oper befasst, dem kommen Zweifel. Völlig überfrachtet das Ganze, überkonstruiert, viel zu spitzfindig. Das ist die Theorie. In der Praxis, auf der Bühne und im Graben der Neuen Oper Erfurt, entsteht in Regie von Jakob Peters-Messer ein staunenswertes Szenen- und Klanggemälde, in dem sich chinesische Tuschzeichnung mit barocker Malerei und modernen Bauplänen zu vollendeter Harmonie verbindet. Es braucht wohl einen in vielen Kulturen beheimateten Komponisten wie den chinesischstämmigen, in Manila geborenen, in Harvard und Cambridge ausgebildeten Wahl-Berliner Jeffrey Ching, um das zu erdenken.
Die Geschichte, die seinem Libretto zugrunde liegt, ist so polyglott wie er selbst, sie hat eine Welt- und Zeitreise hinter sich vom China des 6. vorchristlichen Jahrhunderts bis in die Goethezeit. Entlang der Reiseroute hat Ching seine Oper konstruiert nach einem streng logischen Prinzip: Jeder Person ist eine Epoche samt Sprache zugeordnet, jeder Szene ein Musikstil. Man kann die Details im Programmheft nachlesen, aber man muss nicht. Die Schönheit der Musik, dieses unerhörten, dichten und transparenten Geflechts aus fernöstlichen und europäischen Elementen, erschließt sich ohne Anmerkungsapparat. Unerhört, weil wohl kein europäischer Komponist es wagen würde, die Klangsprache Vivaldis und Rameaus so ungeniert zu zitieren und ins Chinesische zu übersetzen. In der Neuen Oper sorgen sechs Schlagzeuger mit Gongs und Tamtams für eine Klangkulisse wie in der Pekingoper und begleiten die Auftritte des grausamen Hofbeamten Dag-Ngans-Kagh mit pulsierendem Crescendo, im Graben umsäuselt die Glasharmonika barocke Orchestermusik. Dirigent Samuel Bächli bewahrt mit souveräner Gelassenheit den Überblick, hält die ganze instrumentale Bandbreite von Okarina bis E-Gitarre zusammen.
Opulenz, Symbolkraft, Klarheit: Was die Musik kennzeichnet, das trifft auch auf die Inszenierung zu. Auf Markus Meyers karger, an eine Grabkammer erinnernden Bühne lässt Regisseur Jakob Peters-Messer mit stilisierten Figuren ein ritualisiertes Spiel ablaufen, ein Todesspiel. In dieser Oper, die von der Auslöschung einer Familie, von Kindermord und Rache handelt, wird zu Hunderten gestorben, aber auch das Sterben ist Ritual, streng, ästhetisch, ohne Theaterblut. Gestorben wird in üppigen Kostümen, in chinesischen Gewändern wie General Etan (Máté Sólyom-Nagy) oder im barocken Reifrock. Und wenn sich die Eltern des Waisenkindes das Leben nehmen, dann ist das bei aller Stilisierung eine anrührende Szene, allein dank der Schönheit der an Purcell erinnernden Trauermusik und des Gesangs von Marisca Mulder und Denis Lakey. Es gibt keine umfangreichen Rollen für Sänger außer der des finsteren Dag-Ngans-Kagh, der archaischsten Figur des Stücks, die der Bassist Sebastian Pilgrim folgerichtig auf Altchinesisch singt - eine gewaltige Leistung.  Andion Fernandez verkörpert mit schönem klarem Sopran das Waisenkind, Marwan Shamiyeh glänzt als Hofbeamter Alsingo mit einer italienischen Bravourarie.  Die interressanteste Figur ist die des Arztes Cheng Ying, verkörpert zugleich von dem brillanten Tänzer Julien Feuillet-Dolet, der Bewegung und sogar Komik in das ritualisierte Spiel bringt, und Sprecher Peter Umstadt, dessen lautmalende Stimme der Oper eine weitere Melodie verleiht.  Sie ist nicht wegzudenken.  Überhaupt fällt es schwer, sich “Das Waisenkind” in einer anderen Inszenierung vorzustellen - und das liegt nicht nur daran, dass sie in enger Abstimmung mit dem Komponisten entstand.
Man kann “Das Waisenkind” als zutiefst kulturpessimistisches Stück deuten: Zwar schreitet die Geschichte durch die Jahrhunderte voran, aber die Mord- und Rachelust der Menschen bleibt dieselbe.  Die Vergeltung, die das Waisenkind als einziger Überlebender des Familienmordes fordert, führt zur Hinrichtung Dag-Ngans-Kagh auf bestialische altchinesische Art - Zerstückelung bei lebendigem Leibe -,obwohl der Rächer der Zeit Goethes entstammt.  Man kann diese Oper aber auch einfach als klingenden Beweis für die kulturellen Bande zwischen Ost und West interpretieren.  Wie auch immer: “Das Waisenkind” is großartiges Musiktheater.  Und eine der besten unter den Erfurter Uraufführungen.
Einige wenige Besucher nutzten die Pause zur Flucht vor Mordszenen und ungewohnter Musik.  Alle übringen spendeten langen herzlichen Premierenapplaus und Bravorufe."
 

(Von Frauke Adrians, In: Thüringer Allgemeine, 30.11.2009)

 

 


"Erfurt
Uraufführungsglück
Fernost trifft auf Europa. Musikalisch, literarisch, historisch. So vereinfacht könnte die in Erfurt uraufgeführte Oper Das Waisenkind von Jeffrey Ching beschrieben werden. Ausgangspunkt ist eine wahre Begebenheit aus dem alten China. Um selbst an die Macht zu kommen, lässt ein Hofbeamter die Familie seines Rivalen umbringen. Nur ein Kind überlebt und wird durch den aufopferungsvollen Arzt Cheng Ying gerettet. Am Ende stellt der Waisenknabe den Mörder und übergibt ihn einem Tribunal, das ihn zum qualvollen Tod verurteilt. Der auf den Philippinen aufgewachsene chinesische Komponist, Jahrgang 1965, hat aus dem Ereignis ein komplexes Gewand geschneidert. Sein Werk greift nicht nur auf den Ursprungsmythos zurück, sondern bezieht spätere Adaptionen des Stoffes, für den sich so bekannte Dichter wie Goethe, Voltaire und Metastasio interessierten, mit ein. Doch es geht Ching nicht nur um eine reine Nacherzählung. Thema ist auch der Weg des chinesischen Originals nach Europa und seine Verbreitung bis in das 18. Jahrhundert hinein. Dementsprechend vielschichtig ist das Ergebnis. Basierend auf eigenem umfassendem Hintergrundwissen, hat Ching, der auch studierter Philosoph und Sinologe ist, sein Libretto in sieben Sprachen verfasst und verschiedene kulturelle Einflüsse verarbeitet. Die auffallend farbige, dabei immer transparente Komposition mit zahlreichen exotischen Instrumenten baut Brücken zwischen altchinesischen Melodien, fernöstlichen Musiktraditionen und europäischer Barockopernpracht. Was vielleicht bemüht und konstruiert klingt, ist in Wirklichkeit eine ungemein anregende, genau durchdachte Einheit aus Gesang, Sprache und Tanz. Einen wesentlichen Anteil am Erfolg hat das Regieteam. Jakob Peters-Messer ist im Verein mit der suggestiven Bühne von Markus Meyer und den spektakulären Kostümen von Sven Bindseil eine eindringliche Inszenierung geglückt, die das Geschehen in hoch ästhetische Bilder übersetzt und subtil wie effektvoll zugleich ist. Ein vorn postierter Sprecher (Peter Umstadt) übersetzt simultan die teilweise überaus artifiziellen Texte, während die Zentralfigur des Arztes von einem Tänzer, dem persönlichkeitsstarken Franzosen Julien Feuillet-Dolet, dargestellt wird. Andion Fernandez mit ihrem durch alle Lagen klangvollen Mezzosopran ist eine Idealbesetzung in der für sie geschriebenen Titelpartie, die sie mit Hingabe ausfüllt. Doch braucht sich das Erfurter Ensemble Marisca Mulder, Denis Lakey, Mate Solyom-Nagy und besonders der markante, koloraturagile Tenor Marwan Shamiyeh nicht hinter dem Gast aus Berlin verstecken. Mit Samuel Bächli steht ein Dirigent am Pult, der seine Begeisterungsfähigkeit spürbar auf die Musiker überträgt. Er hält alle Fäden der Aufführung souverän zusammen und koordiniert überlegen das Orchester im Graben mit der eindrucksvollen Schlagzeugbatterie, die oberhalb der Bühne wie in einem Schaufenster aufgebaut ist. Ching ist mit seinem ersten Stück fürs Musiktheater ein ungewöhnlich fesselndes Kunstwerk gelungen, dem die Aufführung der Erfurter Oper zum verdienten Triumph verhilft.

 

(von Karin Coper, in: Orpheus Journal 1+2, 2010)

 

 

 

„Ein großer Wurf: Jeffrey Chings Oper „Das Waisenkind“ am Theater Erfurt

Der Komponist Jeffrey Ching, geboren 1965, ist multikulturelle Begegnung in Person. Einer in den Philippinen ansässigen chinesischen Familie entstammend, besuchte er in Manila eine Jesuitenschule, befasste sich aber auch schon früh mit der einzigartigen Sammlung altchinesischer Kunst und Schriftrollen seines Großvaters. Er erhielt Klavierunterricht, vor allem aber durch die Schallplattensammlung der Mutter wurde er mit europäischer Musik vertraut und begann als Autodidakt zu komponieren. Mit der Hochschulreife verließ er die Philippinen, um an der Harvard University Musik und Sinologie zu studieren. In Cambridge erlangte er einen Abschluss und an der University of London in Komposition. Dort unterrichtete er auch mehrere Jahre, bis er nach Berlin umsiedelte, wo er heute lebt, verheiratet mit der spanisch-philippinischen Sängerin Andión Fernández.
In Chings künstlerischem Schaffen spielt die Spannung zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen eine immer wichtigere Rolle. So finden sich in seiner 3. Sinfonie Elemente balinesischer Gamelan-Musik, mittelalterlicher chinesischer Musik sowie Musik der spanischen Renaissance.
Der Handlung seiner jetzt am Theater Erfurt uraufgeführten Oper „Das Waisenkind“ liegen blutig-dramatische Ereignisse im China des 6. Vorchristlichen Jahrhunderts zugrunde: Ein schurkischer Hofbeamter  lässt seinen potenziellen Rivalen und vorsichtshalber auch gleich dessen weit verzweigte Familie umbringen, wobei allein der neugeborene Sohn mithilfe einiger selbst aufopferungsbereiter Getreuer überlebt. 15 Jahre später erfährt der Jüngling, inzwischen von dem kinderlosen Gewaltherrscher in Unkenntnis von dessen Herkunft adoptiert und als Erbe ausersehen, von dem Massaker an seinen Eltern und Verwandten; er lässt den grausamen Provinzdiktator der höheren Autorität des Herzogs überantworten, was das Todesurteil und dessen qualvolle Vollstreckung zur Folge hat. Ching verwendete für das Libretto hauptsächlich eine frühe chinesische Textversion des Dramatikers Ji Junxiang der Yuang-Dynastie, dazu europäische Adaptionen des 18. Jahrhunderts von Pietro Metastasio, Arthur Murphy, Voltaire und Goethe, womit bereits das Textbuch als „eine hochartifizielle Sprachkomposition aus zwei chinesischen und fünf europäischen Sprachen“ (Gerhard Rohde, FAZ) das Sujet als überzeitlich ebenso wie überregional kennzeichnen soll. Musikalisch verfährt Ching entsprechend, indem er kulturell, epochal und stilistisch ganz unterschiedliche Klangsprachen mal geschickt gegeneinander setzt, mal kunstvoll ineinanderflicht oder auch verfremdet. So hat er – mit Hilfe einer allerdings rekordverdächtig vielfältigen Instrumentation – ein ungemein fantasievolles, dabei aber nie ausuferndes Klanggeschehen geschaffen, deutlich intellektuell gesteuert und doch sinnlich faszinierend. „Das Waisenkind ist artifiziell konstruiert, ein anstrengendes Stück, aber zugleich … ein Geniestreich“ (Frauke Adrians, Thüringer Allgemeine).
Jeffrey Ching hatte dabei aber auch Glück: Der uraufführungsmutige Erfurter Generalintendant Guy Montavon erkannte das Kaliber dieses Werks, griff zu und übertrug dessen Realisierung einem gleichermaßen kreativ-kompetenten Team seines Hauses, an der Spitze Samuel Bächli (Musikalische Leitung), Jakob Peters-Messer (Regie), Markus Meyer (Bühne) und Arne Langer (Dramaturgie), die alle wesentlichen Anteil am Gesamtkunstwerk dieser Produktion haben. Unter den Sängern und Darstellern herausragend sind Andión Fernández als Gast in der Titelrolle und Julien Feuillet-Dolet als Tänzer-Double des Erzählers und Waisenkind-Retters zu nennen.
Das Theater Erfurt hat sich mit dem Zugriff um die Förderung der Opern-Avantgarde verdient gemacht, doch ist sehr zu wünschen, dass Jeffrey Chings „Waisenkind“ nach den sechs Vorstellungen in dem vor wenigen Jahren erst eröffneten, architektonisch großartig gelungenen neuen Haus oder auch andernorts trotz erheblichem Orchesteraufwand noch eine Zukunft hat.“

 

(Michael Jenne, in: Musikforum, Januar-März 2010)

 

 

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